25. Februar 2018

Quietschende Bremsen und die wichtigen Dinge des Lebens

Oh Gott, meine Bremsen quietschen, dachte ich peinlich berührt, als ich diesen durchdringenden Schrei meiner Hinterradbremse zum ersten Mal vernahm. Ich schaute mich schnell um, hoffte, daß mich niemand bemerkt oder gar erkannt hätte und fuhr von dannen.

Der letzten Eiszeit ist es zu verdanken, daß es auf meinem Weg stetig bergab ging, also mußte ich noch oft bremsen, auf dieser Fahrt - und ebenso oft erschauderte ich. Sooo laut konnte mein geliebter Drahtzossen also werden.

Doch dann entdeckte ich eine Absonderlichkeit. Meine Bremsen konnten sprechen. Oder vielmehr Gefühle transportieren. Jedenfalls bemerkte ich, daß ich diese akustische Körperverletzung auch für mich nutzen konnte. Schlenderte beispielsweise eine ältere Dame quer über meinen Weg, so konnte ich die Bremsen leise wimmern lassen, gerade genug, um kein vorzeitiges Ableben verwantworten zu müssen. Schlonzte hingegen ein unbeleuchtet radelnder Jungschnösel durch meine Bahn, ließ ich ein wildes Tier aufkreischen.

So nach und nach lernte ich, die Gerätschaft, welche eigentlich zur kontrollierten Minderung meiner Fahrt konstruiert wurde, wie ein Instrument zu bedienen, ach was: geraduzu virtuos zu spielen.

Ich war so weit, daß ich hoffte, nur noch ein wenig üben zu müssen, bis die Entscheider im Opernhaus, an dem ich täglich vorbeibremste, endlich einmal auf mich aufmerksam werden müßten - um mich dann gekonnt in eine ihrer künftigen Inszenierungen einzubauen. Aber dann zerstieben meine hochtrabenden Träume plötzlich, denn es trat etwas vollkommen Unvorhergesehenes ein.

Es wurde trocken.

Und mein Fahrrad verstummte.

Jedoch lasse ich den Kopf nicht hängen. Zwar vermisse ich gelegentlich mein mächtiges Felgeninstrument aber eins ist doch gewiss: der nächste Regen ist nicht weit!

Und dann kann man es wieder schreien hören, in der nördlichsten aller Landeshauptstädte!

Paul "two bells" Klein