5. Mšrz 2021

Quietschende Bremsen und die wichtigen Dinge des Lebens

Oh Gott, meine Bremsen quietschen, dachte ich peinlich ber√ľhrt, als ich diesen durchdringenden Schrei meiner Hinterradbremse zum ersten Mal vernahm. Ich schaute mich schnell um, hoffte, da√ü mich niemand bemerkt oder gar erkannt h√§tte und fuhr von dannen.

Der letzten Eiszeit ist es zu verdanken, daß es auf meinem Weg stetig bergab ging, also mußte ich noch oft bremsen, auf dieser Fahrt - und ebenso oft erschauderte ich. Sooo laut konnte mein geliebter Drahtzossen also werden.

Doch dann entdeckte ich eine Absonderlichkeit. Meine Bremsen konnten sprechen. Oder vielmehr Gef√ľhle transportieren. Jedenfalls bemerkte ich, da√ü ich diese akustische K√∂rperverletzung auch f√ľr mich nutzen konnte. Schlenderte beispielsweise eine √§ltere Dame quer √ľber meinen Weg, so konnte ich die Bremsen leise wimmern lassen, gerade genug, um kein vorzeitiges Ableben verwantworten zu m√ľssen. Schlonzte hingegen ein unbeleuchtet radelnder Jungschn√∂sel durch meine Bahn, lie√ü ich ein wildes Tier aufkreischen.

So nach und nach lernte ich, die Gerätschaft, welche eigentlich zur kontrollierten Minderung meiner Fahrt konstruiert wurde, wie ein Instrument zu bedienen, ach was: geraduzu virtuos zu spielen.

Ich war so weit, da√ü ich hoffte, nur noch ein wenig √ľben zu m√ľssen, bis die Entscheider im Opernhaus, an dem ich t√§glich vorbeibremste, endlich einmal auf mich aufmerksam werden m√ľ√üten - um mich dann gekonnt in eine ihrer k√ľnftigen Inszenierungen einzubauen. Aber dann zerstieben meine hochtrabenden Tr√§ume pl√∂tzlich, denn es trat etwas vollkommen Unvorhergesehenes ein.

Es wurde trocken.

Und mein Fahrrad verstummte.

Jedoch lasse ich den Kopf nicht hängen. Zwar vermisse ich gelegentlich mein mächtiges Felgeninstrument aber eins ist doch gewiss: der nächste Regen ist nicht weit!

Und dann kann man es wieder schreien hören, in der nördlichsten aller Landeshauptstädte!

Paul "two bells" Klein